3 Amerikas Osten – Philadelphia bis Chicago

Von Philadelphia geht es weiter ins Pennsylvania Dutch Country. Hier leben die Pennsylvania Dutch, eine Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen und meist deutschen Wurzeln: „Dutch“ ist eine Verballhornung von „Deutsch“. Sie siedelten sich hier seit dem im 18. Jahrhundert an.

Am bekanntesten sind die Amish, die Mennoniten und die deutschen Baptisten, die alle eine kulturelle Gemeinsamkeit haben: Sie haben sich einer einfachen, technologiearmen Lebensweise verschrieben.

Wir waren gespannt auf diese Gegend, von der wir schon viel gehört hatten. Wir erwarteten die viel beschriebenen Pferdekutschen und die von Pferden gezogenen Pflüge. Letztere sahen wir auf den Feldern und die Kutschen ratterten abends nach Hause, oft nur von Frauen gelenkt.

Aber rund um das Zentrum von Lancaster sah es aus wie überall! Malls, Diners, Autowerkstätten und Läden für landwirtschaftlichen Bedarf, alle gesichtslos, laut und schrill. Unsere romantische Vorstellung von einem Leben wie vor 100 Jahren bewahrheitete sich nicht. Lancaster selbst hatte auch keinen Charme, fanden wir.

Vieles war noch geschlossen, z.B. das Farmhausmuseum in dem kleinen Ort Willow Street.

So beschlossen wir, eine Wanderung hinunter zum Susquehanna River zu machen. Am Pinnacle Overlook gefällt uns der Blick von oben, die Wanderung durch den Maiwald mit seinen frischen Grüntönen ist herrlich.

Unten im Tal wird es etwas anstrengend, wir müssen einen Bach, ein Zufluss zu dem Susquehanna River mehrere Male überqueren. Da brauche ich Hilfestellung von Peter.

Dann wird die Zeit knapp. In Strasburg, dem Städtchen mit dem Eisenbahnmuseum, fahren wir nur am Museum vorbei.

Alle scheinen sowieso auf dem Heimweg zu sein. In Ronks erreichen wir unser Motel. Anschließend geht es zum Essen. Im nahe gelegenen Restaurant gibt es ein riesiges Buffet: Miller’s Smorgasbord in Ronks. Neben beliebten Gerichten wie Chicken Wings gibt es typische Lancaster Country Gerichte wie Chicken Pot Pie, Carved Top Sirloin, Turkey und Ham. Puh, danach sind wir satt, vom Essen und von den vielen Eindrücken.

Unsere romantische Vorstellung von dem Pennsylvania Dutch Country erfüllen die kleinen Dörfchen Bird in Hand, Intercourse, New Holland, Ephrata und Lititz, die wir am vierten Tag besuchen.

Die Romantik wird gnadenlos vermarktet, ein Quiltshop neben allerlei Krimskramsläden sollen Touristen zum Kaufen locken.

Je länger wir durch diese Landschaft, diese Städtchen kurven, je mehr Fragen tun sich auf!

In Ephrata, der ehemaligen Bruderschaft des Johann Conrad Beissel, machen wir eine Führung mit und der pensionierte Anababtist Pfarrer antwortet geduldig auf alle Fragen, die wir haben. Welches ist die größte Glaubensgemeinschaft hier (Mennoniten), wie verhält es sich mit der Landwirtschaft (immer mehr Personen sind anderswo beschäftigt, z.B. in handwerklichen Betrieben), wir hatten es uns ländlicher vorgestellt (es ist richtig, dass die Gegend immer mehr zum Einzugsbereich von Philadelphia wird und populärer zum Wohnen, die Bevölkerungszahl hat sich in den letzten Jahren verdoppelt). Langsam sortieren sich unsere ersten Eindrücke, das ist gut. Bei all dem Neuen bleiben die leiblichen Bedürfnisse nicht aus.

Lititz, unser letztes Städtchen der kleinen ganztägigen Rundfahrt, bietet sich für einen Imbiss hervorragend an.

Hier werden die Sturgis Brezeln hergestellt und auch die Wilbur Chocolate Company hat hier ihren Sitz. Wir laben uns lieber an einer Tomato Pie im Tomato Pie Cafe. Aber eine Pretzel kaufen wir doch zum Schluss.

Let’s Go West. Unterhaltung während der Fahrt ist heute angesagt. Wir setzen einen Buchtipp unserer Freunde in „Overoaks“ um. Wir hören den Krimi „The Hidden One“ von Linda Castillo. Die Polizeichefin Kate Burkholder ermittelt im Amish-Milieu und das passt natürlich wunderbar zu unserem derzeitigen Aufenthaltsort.

Unseren nächsten Stopp legen wir in Gettysburg ein. Hier fand vom 1. bis 3. Juli 1863 die blutigste Schlacht des Sezessionskrieges statt. Wir fahren mit dem Auto entlang der ehemaligen Schlachtfelder. Schulklassen und viele Einzelreisende sind hier und lassen sich von den damaligen Ereignissen berühren.

Ab Gettysburg wird es einsamer und grüner, wir durchqueren Teile der Appalachen. Zum heutigen Ziel Pittsburgh werden die Straßen wieder voller. Wir steuern einen Parkplatz in der Nähe der Duquesne Incline Cable Car an, denn wir wollen die Skyline vom Mount Washington aus bewundern.

Pittsburgh liegt am Zusammenfluss des Monongahela River und des Allegheny River. Beide Flüsse vereinen sich zum Ohio River. Der Blick von oben ist überwältigend und wir finden es schade, dass wir hier nicht länger verweilen können. Bei Roadtrips ist Strecke machen angesagt.

Wir übernachten westlich von Pittsburgh und können in einer Mall zwischen etwa 20 Junkfood-Restaurants wählen. Wir entscheiden uns für Burgatory und essen einen riesigen Burger. Es ist rappelvoll, 200 Personen werden hier verköstigt und wir fragen uns, ob wir tatsächlich in der Purgatory, im Fegefeuer, sitzen. Wir sind ausgehungert und die Vorhölle kann es nicht sein, es schmeckt himmlisch.

Von Philadelphia aus fahren wir meist über den historischen Lincoln Highway. Es war die erste Straße, die die Ost- mit der Westküste verband. Ab Pittsburgh ist die Strecke besonders grün und ländlich. Von Philadelphia bis Wyoming heißt sie Route US 30.

Heute geht es nach Berlin. Das kann doch nicht wahr sein, oder? Dieses Berlin ist tatsächlich etwas kleiner als unsere Hauptstadt, es hat nur 3500 Einwohner. Berlin ist ein kleiner Ort im Bundesstaat Ohio.

Millersburg

Rund um Berlin, Millersburg und Mount Hope leben die meisten Amish in Ohio. Und tatsächlich ist die Dichte an Buggys (Pferdekutschen) enorm. Um mehr über das Leben der Amish zu erfahren, nehmen wir an einer Führung durch eine alte Farm, „Yoder‘s Amish Home“, teil.

Anhand dieses Hofes erklären die Führerinnen, was diese Gemeinschaft ausmacht. Die Amish haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung der Schweiz und Süddeutschland. Sie trennten sich 1693 von den Mennoniten. Noch heute sprechen sie einen pfälzisch-deutsch-englischen Dialekt. Ansonsten wirkt vieles so, wie mir vom Leben unserer Großeltern erzählt wurde. Nur manchmal gibt es „Stilbrüche“. Rund um Berlin fahren die Amish nicht nur in Kutschen, sondern auch mit E-Bikes! Für die hügelige Umgebung eignen sich die E-Bikes hervorragend, jedoch zur sonstigen einfachen Lebensweise passt das nicht. Allerdings: Die Akkus werden nicht vom Stromnetz aufgeladen, der Strom wird durch Solarpaneele und Dieselgeneratoren selbst erzeugt. Merkwürdige Logik.

Auf mich wirken einige dieser Familien, zum Beispiel in Cafés, oft sehr altmodisch und verschlossen. Mir wurde beim Beobachten ganz eng und ich frage mich, ob mich das nicht an meine eigene religiöse Erziehung erinnert, die ich auch als einengend erlebt habe.

Die Führung auf Yoders Hof beinhaltete eine Kutschfahrt! Diese ging wirklich zu Herzen. Sie führte durch grüne Frühlingswiesen und machte unser beider Herzen wieder weit.

Heute ist Sonntag. Meist frühstücken wir in einem Kaffee, so auch heute. Sonntags im Amish-Country hat fast alles zu. Google Maps hilft, ein offenes Café zu finden. Wir steuern das Broken Grounds in Millersburg an, der Name gefällt uns! Wir platzen mitten in einen methodistischen Gottesdienst! Wenn ihr schon nicht zur Kirche kommt, dann kommt die Kirche zu euch. Das Motto von der Broken Grounds Church ist, dort zu predigen, wo Leute sich treffen und essen. Verrückt, aber vielleicht auch die Lösung für manch andere Kirche. Das ist ein Frühstück, das wir nicht vergessen werden. Eine Predigt beim gemütlichen Kaffeetrinken hatten wir noch nie.

Danach geht es wieder durch ländliches Grün. Dann wird die US 30 vierspurig und wir nähern uns Fort Wayne. Fort Wayne war unserer Meinung nach eine gute Zwischenstation vor Chicago und das hat sich bewahrheitet. In unsrem gewählten Hotel kann man gut entspannen und einen kleinen Spaziergang im Promenade Park und durch die Downtown machen.

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