Weltfrauentag 2026

Liebe Enkelin,

Zum Weltfrauentag habe ich dir in den vergangenen Jahren Familienfrauen und ihre Geschichten vorgestellt. All diese bisher vorgestellten Frauen leben nicht mehr. Nun werde ich dir lebende Familienfrauen vorstellen. Hier wird es keine Fotos geben, denn diese Frauen kennst du. Trotzdem wirst du anhand der Fragen und Antworten merken, dass du Neues erfahren wirst. Ich fange in diesem Jahr mit mir selbst an.

  1. Was bedeutet „Frausein“ für mich persönlich? Ich bin über 70 Jahre alt. Für mich fühlt sich mein Frausein wie dieser „Flickenteppich“ an. Der Flickenteppich symbolisiert meine Fehler, Siege, Lieben, Verluste, meinen Beruf, Ehe, Kinder und meine Familie.
  2. Wann ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich als Mädchen/Frau wahrgenommen wurde? Meine Freundin N. und ich hatten Zugang zum Jugendmagazin „Bravo“. Zwischen 11 und 13 Jahren verschlangen wir die Bravo und entdeckten, was es wohl bedeuten könnte, eine Frau zu sein: Periode bekommen, den ersten Kuss ergattern, nicht schwanger werden und vieles mehr.

Sozialisation & Rollenbilder

  1. Welche Erwartungen wurden in der Kindheit an mich als Mädchen gestellt? Liebe Enkelin, ich sollte höflich und angepasst sein, im Haushalt helfen und nicht „laut” oder „aufsässig” wirken. Zudem sollte ich hübsch sein, aber nicht zu auffällig. Mit letzterem spielte ich: Minirock, grelle Farben. Das machte mir Spaß.
  2. Gab es Situationen, in denen ich mich aufgrund meines Geschlechts eingeschränkt fühlte? Als es in der 7. Klasse des Gymnasiums um die Wahl der zweiten Fremdsprache ging, war ich hin- und hergerissen. Mein Vater erklärte kategorisch, dass Latein für ein Mädchen nicht sinnvoll sei. „Da genügt Französisch.“ Bei der Studienwahl hätte mir das Latinum einiges erleichtert

Bildung & Beruf

  1. Hat mein Geschlecht meine Berufs- oder Studienwahl beeinflusst? Mit meiner Studienwahl „Sozialpädagogik” entsprach ich voll dem Frauenbild der Zeit – nach dem Motto: Frauen können alles, solange es mit Menschen und Gefühlen zu tun hat.
  2. Welche Erfahrungen habe ich im Arbeitskontext im Hinblick auf Gleichberechtigung gemacht? Ich war qualifiziert, hoch motiviert, teamfähig und belastbar. Dennoch musste ich zweimal darum kämpfen, das für mich meiner Meinung nach angemessene Gehalt zu erhalten.
  3. Welche Bedeutung hat finanzielle Unabhängigkeit für mich? Früher hieß es: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Für mich bedeutete das: Ich stehe lieber neben deinem Opa und fülle meinen Geldbeutel selbst.

Körper, Medien und Selbstbild

  1. Wie beeinflussen Medien und soziale Netzwerke mein Körperbild? Fühle ich mich gesellschaftlichem Schönheitsdruck ausgesetzt? Mit über 70 kann ich nur sagen: Früher habe ich oft unbequeme Schuhe getragen, heute trage ich hochwertige Sneakers, bequeme Hosen und Pullover. Das befreit mich. Bunt mag ich es immer noch.

Familie und Care-Arbeit

  1. Welche Vorstellungen habe ich von Partnerschaft und Familienrollen? Bereits 1975 forderten Feministinnen, dass Hausarbeit nicht automatisch Frauensache sein sollte. Konkret forderten sie eine 50:50-Aufteilung der Aufgaben beim Kochen, Putzen, Waschen und der Kinderbetreuung. Das war meine Vision, doch bei der Umsetzung im Alltag haperte es. Die Kleinkindbetreuung war damals rudimentär, sodass dein Opa und ich entschieden, dass er zunächst arbeitet und ich das „Familien-Universum“ fast vollständig organisiere und erledige. Zum Glück haben wir später eine bessere Organisation hinbekommen. Nun erhalte ich fast die gleiche Rente wie dein Opa.

Diskriminierung und Gleichstellung

  1. Wo sehe ich Fortschritte in der Gleichstellung? In Deutschland studieren Frauen gleichberechtigt, auch in sogenannten „Männerdomänen“ wie dem Ingenieurwesen. Die Karriereleiter war noch nie so offen wie heute. Die Gleichberechtigung ist formal verankert (Gleichstellungsgesetze, Mutterschutz etc.). Die Arbeitswelt ist flexibler geworden, mit Modellen wie Homeoffice. Gleichstellungsdiskussionen sind in der Gesellschaft präsent: Gender Pay Gap, Care-Arbeit usw.
  2. Wo besteht meiner Meinung nach noch Handlungsbedarf? Beim Gender Pay Gap, beim Teilen der Care-Arbeit und bei Frauenquoten in Führungspositionen besteht immer noch großer Handlungsbedarf.

Zukunftsperspektive

  1. Was wünsche ich dir, meiner lieben Enkelin? Möge dir weiterhin der Mut nicht ausgehen, weder im Kopf noch im Körper. Klettere Wände und Bergwände hoch, hänge kopfüber bei der Vertikaltuchakrobatik und traue dich, unbequem und verrückt zu sein.

Deine Oma

Familienfrauen:

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