Das Kasteyev State Museum of Arts ist nicht nur deshalb einen Besuch wert, weil es als das wichtigste Kunstmuseum Kasachstans gilt, sondern auch, weil wir hier einen breiten Überblick über die Kultur und Kunst Zentralasiens erhalten. Im ersten großen Raum dreht sich alles um das Nomadentum. Ausgestellt werden Teppiche, Filzarbeiten, Schmuck, traditionelle Kleidung und dekorative Objekte aus der kasachischen Kultur. Ähnliches hatten wir im kleinen Museum in Aktobe erlebt. Jedoch auch Gemälde greifen dieses Thema auf.



Neu für uns ist die moderne Kunst kasachischer Künstler. Zu sehen sind traditionelle Motive ganz neu interpretiert.


Der bekannteste Künstler des Landes, Abylkhan Kasteyev, nach dem das Museum benannt ist, ist selbstverständlich stark vertreten. Besonders gefällt mir das Gemälde “Dairy”, das das nomadische Leben zeigt. Zum einen steht die Herstellung von “Kurt” im Mittelpunkt. Kurt sind getrocknete Käsebällchen. Zum anderen dokumentiert es das Gemeinschaftsleben. Alle helfen mit. Die Figuren sind gut erkennbar in ihrer konkreten Lebensrealität. Das Gemälde fasst für mich den Stolz auf die Kultur und die Menschen Kasachstans zusammen.


Eingebettet vor der beeindruckenden Kulisse des Tian-Shan-Gebirges zeigt ein weiteres Bild von Kasteyev ebenfalls das traditionelle Leben.
Das Museum wirkt insgesamt angenehm ruhig und weitläufig. Es ist eher ein Ort zum langsamen Schauen als ein spektakuläres „Blockbuster“-Museum. Gerade nach mehreren Tagen in der Stadt war es für uns ein guter Kontrast zu den trubeligen Basaren und den interessanten Stadtvierteln Almatys.
Heute ist unser „Kulturtag“. Nicht genug mit dem Kunstmuseum — am Abend erwartete uns noch ein ganz besonderes Erlebnis.
Stellt euch vor: Ihr kommt an einem milden Frühlingsabend am Abay Opera House an. Draußen rauscht die Stadt — Autos, Stimmen, das letzte Licht der untergehenden Sonne, das die schneebedeckten Berge über Almaty in ein fast unwirkliches Leuchten taucht. Dann öffnet ihr die schwere Tür aus Holz und Messing — und plötzlich scheint alles langsamer zu werden. Schon das Foyer wirkt wie aus einer anderen Zeit: Marmor, goldene Ornamente, roter Samt, hohe Decken. Das Haus verbindet italienisch-neoklassische Opernarchitektur mit kasachischen Ornamenten und nationalen Motiven. Man hört das leise Murmeln elegant gekleideter Menschen, riecht Parfum, altes Holz und diesen ganz besonderen Duft großer Theaterhäuser — ein wenig Staub und viel Geschichte.
Dann der Gong. Ihr geht in den Saal. Die Lichter werden langsam dunkler. Das Orchester stimmt sich ein — erst chaotisch, dann plötzlich dieser gemeinsame Ton. Allein dieser Moment sorgt schon für Gänsehaut. Der Vorhang hebt sich und ein opulentes Bühnenbild entfaltet sich.
So erging es uns heute Abend. Wir waren gespannt auf Giacomo Puccinis Oper „Turandot“. Die Handlung spielt in einem märchenhaften China und erzählt von der Prinzessin Turandot, die jeden Freier töten lässt, der ihre drei Rätsel nicht lösen kann.
Kurz zur Handlung:
Viele Prinzen versuchen, Turandot zu heiraten — und sie verlieren ihr Leben. Doch der unbekannte Prinz Calaf verliebt sich trotzdem in sie. Tatsächlich gelingt es ihm, alle drei Rätsel zu lösen.
- Erstes Rätsel: „Was entsteht jede Nacht und stirbt jeden Morgen?“ Antwort: Die Hoffnung.
- Zweites Rätsel: „Was lodert rot und warm wie Feuer und ist doch kein Feuer?“ Antwort: Das Blut.
- Drittes Rätsel: „Welches Eis gibt dir Feuer, und je heißer das Feuer wird, desto mehr frierst du?“ Hier gibt Turandot die Antwort selbst: Sie ist dieses Eis — eine Frau, die Leidenschaft entfacht und zugleich selbst eine Eisprinzessin bleibt.
Natürlich gibt es noch viele weitere Handlungsstränge, aber am besten: Geht selbst in „Turandot“. Es lohnt sich. Und ganz besonders lohnt es sich in Almaty. Wir waren verzaubert von der orientalischen Märchenatmosphäre und der opulenten Ausstattung. Gespielt wird hier eine traditionelle, prachtvolle „Turandot“ — monumentale, farbige und symbolische Bühnenkunst, nicht eine mit einer modernen psychologischen Deutung. Doch genau dieses „große Theater“, diese emotionale Interpretation, passt perfekt zu diesem Opernhaus. Und natürlich gehörte auch hier die berühmte Arie „Nessun dorma“ vom Prinz Calaf zu den Höhepunkten des Abends.


