Wir orientieren uns an den Stadtrundgängen von caravanistan, The 10 Best Places to Walk in Almaty.
Malaya Stanitsa
Am ersten Tag in Almaty besuchen wir das älteste und vielleicht atmosphärisch spannendste Viertel der Stadt. Die Gegend entstand im 19. Jahrhundert rund um die russische Grenzfestung Verny. Kosaken bauten dort niedrige Holzhäuser mit zum Teil geschnitzten Fensterrahmen und Giebeln.




Es heißt, dass die Gegend viel über die Geschichte Kasachstans erzählt. Das Viertel war zunächst
- Kasachische Siedlung
- dann Sowjet-Kolchose
- später Umsiedlungsgebiet für deportierte Völker aus dem Kaukasus und anderen Regionen der UdSSR.
Heutzutage ist das Viertel ruhig und wirklich interessant. Wir fragen uns, wie lange noch: Viele Häuser stehen zum Verkauf, sind abbruchreif oder bereits abgerissen. Wir befürchten, dass es nach und nach gentrifiziert werden wird. Wir sehen Bagger und schweres Baugerät.
Zunächst geht’s zum Vernensky-Markt mit dem Obst und Gemüse aus der Region sowie den leckeren Käseständen. Leider sind wir vom Frühstück noch so satt, dass wir das verführerisch duftende Schaschlik, das Männer hingebungsvoll anbraten, nicht probieren können. Wir mampfen stattdessen fröhlich frische Erdbeeren.




Nun sind wir gestärkt für die Kasaner Kathedrale. Die Kirche geht ebenfalls auf die frühe russische Siedlung „Verny“ zurück. Ein Vorgängerbau entstand in den 1850er Jahren, das heutige Gebäude wurde nach einem Erdbeben Ende des 19. Jahrhunderts neu errichtet. Während der Sowjetzeit wurde die Kathedrale geschlossen und später der orthodoxen Kirche zurückgegeben. Diese Nikolaus-Kathedrale ist einfacher und wirkt viel intimer mit ihrem Innenhof und dem dazugehörigen Park als die große Christi-Himmelfahrt-Kathedrale in der Innenstadt. Überraschend ist die kleine Höhlen- bzw. Untergrundkapelle unter der Kirche. Sie wurde bei Restaurierungsarbeiten wiederentdeckt und gilt als einzigartig für Almaty.



Wenige Häuserblocks nördlich befindet sich ein zugewachsener Friedhof. Wir können nur über die Mauer schauen und zugewachsene Kreuze entdecken. Das Viertel rund um den Friedhof herum wirkt nochmals ländlicher. Und das mitten in Almaty.
Kompote
Auch das „Kompot“-Viertel (Компот), das wir am zweiten Tag durchstreifen, ist charmant. Der Name leitet sich von den früheren „Obststraßen“ wie der Apfel-, Kirsch- oder Birnenstraße ab – daher „Kompot“. Es liegt östlich des Zentrums unterhalb von Kok-Tobe und hat viel von dem alten Almaty-Charme mit Holzhäusern, Gärten und ruhigen Straßen bewahrt. Hier wirken viele Straßen wie ein kleines Dorf inmitten der Großstadt: die alten Holzhäuser, die Kirschbäume in den Innenhöfen, die interessanten Metalltore und Fassaden, die neben protzigen Neubauten stehen.


Die Entwicklung zur modernen Stadt hat unwiderruflich begonnen. Unser Spaziergang endet im Gorki Park.

Zarya Vostoka
Ein weiteres Stadtviertel im Nordwesten der Stadt weckt unser besonderes Interesse am vierten Tag: Zarya Vostoka. Warum gerade dieses Viertel? Dort soll eine größere uigurische Gemeinschaft leben. Zwischen Kasachstan und China gab es entlang der Seidenstraße über Jahrhunderte hinweg Wanderungsbewegungen. Uiguren kamen in mehreren Wellen nach Kasachstan – zunächst während der Zeit des Zarenreichs, später infolge der sowjetisch-chinesischen Spannungen und zuletzt aufgrund politischer Repressionen in China.
Heute ist der Opfertag, der höchste islamische Feiertag. Der Spaziergang hat deshalb etwas leicht Unheimliches. Kaum jemand begegnet uns.




Als wir plötzlich zwischen hunderte Meter langen Reihen aus Containern stehen – ein regelrechtes Labyrinth –, wird uns zum ersten Mal mulmig.


Die perfekte Kulisse für einen Tatort! Der Hintergrund ist weitaus banaler: Der Baracholka-Basar am Stadtrand von Almaty ist einer der größten Märkte Zentralasiens. Er erstreckt sich über mehrere Kilometer und besteht zu einem erheblichen Teil aus tausenden übereinander und nebeneinander gestapelten Schiffscontainern (ISO-Containern). Es handelt sich um Arbeitsplätze. Die Container dienen den Händlern als Verkaufsstände, Lager und Werkstätten. Tagsüber wuseln hier zehntausende Menschen – Händler wie Kunden –, um Waren (oft Importe aus China) zu kaufen und zu verkaufen. Nach Ladenschluss leert sich das Areal. Ausschließlich Männer arbeiten hier. Nach einigen Minuten zwischen Neugier und Gruseln biegen wir erneut um eine Ecke – und stehen mitten im riesigen Basar, ebenfalls bestehend aus übereinandergestapelten ausgedienten Schiffscontainern.

Wir überqueren eine mehrspurige Stadtautobahn, um ins Viertel Zarya Vostoka zu gelangen. Kaum sind wir auf der anderen Seite, locken uns Samsa: mit Zwiebeln und Rindfleisch gefüllte Teigtaschen, die im Tandur-Ofen gebacken werden und dadurch wunderbar knusprig sind. Samsa bekommt man in Kasachstan beinahe an jeder Straßenecke – meist allerdings in Form von Blätterteigtaschen. Die ursprüngliche Variante entdecken wir auf dieser Reise nun zum ersten Mal. Und die Samsa schmeckten hervorragend.
Heute jedoch ist wie gesagt das Opferfest und alles wirkt wie ausgestorben.



Es fühlt sich ein wenig so an, als würde man an Heiligabend durch Kirchentellinsfurt, ein Dorf nahe Tübingen, spazieren. Genau das hatten wir 2025 mit der Familie gemacht, um die Weihnachtskrippen anzuschauen. Von den vielgepriesenen Grillständen ist nichts zu sehen. So bleibt uns nur die Rückfahrt ins Stadtzentrum mit dem Bus – jedes Mal ein kleines Abenteuer. Wir müssen uns durchfragen, welche Linie wohl die richtige sein könnte. Eine funktionierende App haben wir dafür bisher noch nicht gefunden.

