Sehnsuchtsrezepte

30.04.2021

Die Fischsuppe Bouillabaisse habe ich zum ersten Mal in Südfrankreich, nahe Marseille, gegessen. Ich war begeistert. Zusammen mit dem mit Rouille bestrichenem Baguette schmeckte sie sommerlich frisch.

Jahre später las ich das Buch “Ein Gentleman in Moskau” von Amor Towles. Graf Rostov wird 1922 von den Bolschewiken verhaftet und zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol, dem ersten Hotel am Platze, verurteilt. Von seiner weitläufigen Suite muss er in ein kleines Dachzimmer umziehen. Trotz seiner eingeschränkten Umstände führt er zunächst ein angenehmes Leben. Er hat weiterhin Zugang zum Speisesaal und kann mit Bekannten dort dinieren, debattieren und sein Schicksal reflektieren. Gefängnis bleibt Gefängnis, so angenehm dieses auch sein mag. Unser letztes Jahr mit Corona erinnert mich sehr daran.

In den 32 beschriebenen Jahren des Grafen Rostov verändert sich die Welt. Russland entwickelt sich zur Diktatur und der zweite Weltkrieg bricht aus. Alle diese Veränderungen erlebt Graf Rostov im Mikrokosmos Hotel Metropol. Er muss immer mehr Privilegien aufgeben und wird zuletzt Hilfskellner. Seine beiden Freunde, der Koch Emile, der Oberkellner Andrej und er planen das Kochen einer Bouillabaisse, ihrer Sehnsuchtsspeise. Die Planung überbrückt manches Unbill, das die 3 erdulden müssen. Die Zutaten sind schwer zu beschaffen und sie wollen nur kochen, sobald alle Zutaten beisammen sind. Immer fehlen welche, z.B. Safran oder Orangen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als das eigentliche Kochen begann und ich erinnerte mich an meine köstliche Bouillabaisse in Südfrankreich.

Wenn ihr das Buch lest, ist Fernweh vorprogrammiert. Ihr träumt von einer Reise nach Südfrankreich oder vom Hotel Metropol in Moskau, das immer noch das erste Hotel am Platze ist.

Da beides zur Zeit nicht möglich ist, probiert meine Bouillabaisse.

Mein Buchtipp: Amor Towles, Ein Gentleman in Moskau

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