Das Buch Alice von Karina Urbach – Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten

Hier kommt die unentgeltliche Buchbesprechung des Buches von Urbach, Karina, Das Buch Alice, Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten, Ullstein Buchverlage GmBH, Berlin 2020.

Ja, der Titel interessierte mich. Von den Buchverbrennungen der Nazis wusste ich natürlich, jedoch wie sollten die Nazis ein Kochbuch rauben? Das wollte ich wissen.

Aber jetzt ganz von Anfang an. Karina Urbach erzählt die Lebensgeschichte ihrer jüdischen Großmutter Alice Urbach, geb. Mayer. Alice (geb. 5. Februar 1886, gest. 26. Juli 1983) kam in Wien in einer wohlhabenden Familie zur Welt. Sie hatte noch 4 ältere Halbgeschwister. Die Aufmerksamkeit des Vaters lag auf den Halbgeschwistern. Ihre Mutter hatte Bedienstete aller Art und die Küche wurde von der Mutter nur sporadisch aufgesucht. Alice liebte die Küche und die Stimmung die dort herrschte. Gerne hätte sie in der Gastronomie eine Lehre gemacht. Das war jedoch für ein Mädchen aus “gutem Hause” nicht vorgesehen. Dennoch besuchte sie 1904 eine Kochschule. Später sagte ie von sich selbst, dass dieser Besuch einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellte. Sie eignete sich hier neue Kochkenntnisse an. Doch zunächst heiratete sie 1912 einen Arzt, Max Urbach und bekam von ihm zwei Söhne. Die Ehe währte nur kurz. Ihr Ehemann war ein Spieler, brachte ihre große Mitgift durch, erkranke an einer Geschlechtskrankheit und starb nach 7 Ehejahren.

Alice war nun eine mittellose, alleinerziehende Mutter. Kreativität war gefragt, um über die Runden zu kommen. In den Jahren ab 1920 vermietete sie Zimmer in ihrer Wohnung, baute einen Partyservice auf (z.B. mit Fingerfood “Bridge-Bissen” zu Bridgerunden oder Petits fours), gab Kochkurse und hielt Vorträge z.B. über die Schnellküche für berufstätige Frauen. Sie schrieb ihr erstes Kochbuch und lieferte ab 1932 komplette Menüs ins Haus oder Büro. Letzteres war damals eine sehr moderne Idee! 1935 erschien ihr Kochbuch “So kocht man in Wien”, ein Koch – und Haushaltsbuch der gutbürgerlichen Küche. Dieses Kochbuch wurde ein Bestseller. Sie hatte sich in diesen Jahren ein auskömmliches Leben aufgebaut.

Doch dann begann die Vorkriegszeit. Einem Sohn gelang rechtzeitig die Ausreise in die USA – er kämpfte jahrelang für ein unbegrenztes Aufenthaltsrecht kämpfen. Der andere Sohn wurde 1938 als Jude von der Universität ausgeschlossen und während des Novemberprogroms verhaftet und interniert, zuletzt in Dachau. 1939 wurde er überraschend freigelassen, da Ausreisepapiere in die USA von Freunden und Bekannten beschafft werden konnten.

Alice selbst konnte nicht rechtzeitig in die USA ausreisen. So emigrierte sie überstürzt 1938 nach England.

Doch zunächst zurück zu ihrem Kochbuch. Romane von jüdischen Autor*innen wurden im NS-Regime meist verbrannt. Doch bekannte Sachbücher, wie z.B. Kommentare zum Bürgerlichen Gesetzbuch (heute noch aktuell!), Knauers Gesundheitslexikon oder Alice’ Kochbuch wurden “arisiert”, das heißt, die Sachbücher bekamen “arische” Autorennamen und wurden tatsächlich “geraubt”. Der Verlag von Alice Kochbuch, der Ernst Reinhardt Verlag (jetzt in München), veröffentlichte Alice Kochbuch wenig verändert 1938 unter dem Autorennamen Rudolf Rösch. Zuvor hatte der Verlag sich alle Rechte für ihr Buch für 1000 Reichsmark abtreten lassen. Das Geld benötigte Alice für ihre Emigration nach England. Sie ging davon aus, dass es nach dem Krieg schon eine Lösung geben würde, ihr Kochbuch zurückzubekommen. Das gelang ihr zeitlebens nicht.

Flüchtlinge, die nach England emigrieren konnten, bekamen meist eine Arbeitserlaubnis für Dienstboten (domestic permits). Für Alice lag es nahe, sich auf Köchinnenstellen zu bewerben. Sie verdingte sich im Grantham Castle, beim Politiker Anthony Eden und später bei einem Arzt in London als Köchin. 1940 wurde sie Heimleiterin für ein Kinderheim in der Nähe von Newcastle für “unbegleitete Jugendliche”, in diesem Fall Mädchen. Sie übernahm die Aufgabe, obwohl sie dafür wenig qualifiziert war. Doch war sie von der Sinnhaftigkeit dieser Tätigkeit überzeugt. Später wurde dieses Heim in den Lake Distrikt verlegt. Zusammen mit einer Freundin leitete sie das Heim 7 Jahre lang. Beide gaben nach bestem Wissen und Gewissen ihr Bestes. Natürlich war auch hier die Küche wichtig. Neben der täglichen Zubereitung der Mahlzeiten veranstaltete sie kleine Kochevents. Die Mädchen beteiligten sich durch wöchentliche Kochdienste.

Nach dem Krieg war Alice’ Wunsch, wieder nahe bei ihren Söhnen zu wohnen. 1946 konnte sie mit deren Hilfe nach USA auswandern. Auch hier waren ihre Kochkenntnissen gefragt. Zunächst arbeitete sie in Chicago, dann in New York, wo sie rauschende Partys in ihrer Wohnung gab, die sie sich eigentlich nicht leisten konnte. Ab 1969 folgte sie dem jüngeren Sohn nach San Francisco. Noch mit 83 Jahren wurde sie in San Francisco in einer Kochschule angestellt. Hier gab sie mit 95 immer noch erfolgreich Unterricht.

Ja, und wie ging es mit ihrem Kochbuch weiter? Seit 1949 versuchte Alice Urbach die Rechte für ihr Kochbuch zurückzubekommen. Noch 1980 unternahm sie einen neuen Anlauf von den USA aus. Erst Alice’ Enkelinnen erhielten die Rechte für “So kocht man in Wien von Alice Urbach” zurück. Noch ist dieses Kochbuch nicht auf dem freien Buchmarkt zu erstehen. Auch konnte ich keine Rezepte von Alice Urbach ausfindig machen. Das ist schade. Ich hoffe, die Enkelinnen werden einen Weg finden, dieses Kochbuch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mich hat die Geschichte von Alice sehr berührt. Was musste sie in 97 Jahren alles erleben: Eine schwierige Ehe, erfolgreiche Kochschule in Wien, Bestseller-Buchautorin, Verlust von allem, Ungewissheit ob des Schicksals ihrer Söhne im 2. Weltkrieg, gewaltsame Tode von nahen Angehörigen durch die Nazis, Neustarts in England und USA, Erfolge in England und USA und bis zum Schluss keine Neuveröffentlichung ihres Kochbuchs unter ihrem Namen.

Noch eine kleine Bemerkung am Rande: Bei meiner Buchbesprechung habe ich die Schicksale der Söhne und weiterer Verwandten von Alice Urbach beiseite gelassen. Es lohnt sich also, das Buch selbst zu lesen!

2 Kommentare

  1. Was für eine berührend-bittere und zugleich spannende Geschichte. Man möchte flugs in Antiquariaten buddeln, um spürnasend irgendwo ein lange verschollenes Exemplar des Buches aufzutreiben!

    1. Hallo Ole, ja, das ist ne bittere Geschichte. Auch ich hoffe, dass die Enkelinnen das Kochbuch nochmals auflegen werden. Viele Grüße, Regina

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